Ausgefranste Ufer und Wein auf Pyramiden: Schloss und Park Branitz
Mit einem Rausch in Türkis empfängt das Musikzimmer des Fürstenpaares Lucie und Hermann von Pückler im Barockschloss Branitz. Uns Bürgern für das Welterbe aus Kassel blieb einen Wimpernschlag lang der Atem weg. Das gesamte Interieur strahlt in der Farbe des Wassers südlicher Länder: Klassizistische Girlanden und Musikinstrumente glänzen in Gold auf türkisfarbenen Holztäfelungen. Auf einem Kamin aus weißer Keramik prunkt das Familienwappen. An der kobaltblauen Decke glitzern goldene Sterne.
Auch ein in Raum in Violett, die Orienträume mit bemalten Papiertapeten und vor allem das Arbeitszimmer des Fürsten Pückler (1785 bis 1871) faszinierten unsere Gruppe. In den Regalen befinden sich etwa 4500 Bücher, darunter Erstausgaben der 29 Bände des pietistisch erzogenen Mannes, der nach dem Pariser Frieden aus dem militärischen Dienst ausschied und anschießend nach England reiste. Dort entdeckte der ehemalige Generalleutnant seine Leidenschaft für die englische Gartenkultur und begann – zuweilen mit scharfer Zunge – seine Beobachtungen aufzuschreiben.
Die neun Jahre ältere, vermögende Lucie von Hardenberg (1776 bis 1854) verließ ihren ersten Ehemann, um 1817 den umtriebigen und extravaganten Pückler zu heiraten. Das Paar lebte im Schloss Muscau. Beide gestalteten den Park nach englischem Vorbild. 1822 wurde der als Graf geborene Pückler in den Fürstenstand erhoben. Trotz großer Verbundenheit und gemeinsamer Interessen ließ sich das Ehepaar 1826 formell scheiden, Lucies Vermögen war aufgebraucht. Die geschiedene Frau blieb bei dem Fürsten. Während seiner Reisen schrieb er ihr etwa 1500 Briefe, die sie sämtlich sammelte. Die Veröffentlichung der vier ersten Bände avancierte zum Bestseller und brachte Geld in die Kasse des klammen Fürstenpaares, das gern zu aufwendigen Banketts einlud. Zudem verschlangen die Park- und Gartenanlagen sowie die Sehnsucht des Dandys den Orient kennenzulernen hohe Summen.
1845 mussten der beim Volk beliebte Fürst und die Fürstin das mütterliche Erbe Muskau aus Geldnot verkaufen. Sie bezogen das Schloss Branitz, seit 1770 Stammsitz der Familie. Ein aufwendiger Umbau mitsamt der rund 622 Hektar großen Parkanlage folgte. Die beiden leidenschaftlichen Gartenkünstler pflanzten in den ersten fünf Jahren 700 Bäume. Mittels eines Rohrsystems entstanden mit dem Wasser der Spree künstliche Seen und zahlreiche, miteinander verbundene Wasserläufe. Eine einstündige Gondelfahrt ist möglich.
Die Ideen lieferte der Fürst, Lucie realisierte diese, plante und organisierte akkurat. Ergebnis der jahrelangen Arbeit ist ein Meisterstück englischer Gartenkunst in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzte die Rote Armee das Schloss und plünderte das Inventar. Die DDR nutzte den Familiensitz der Pücklers als Stadtmuseum. Nach der Wende kam es zur Sanierung und Rekonstruktion des Gebäudes sowie des Landschaftsparks.
Obwohl von unserem Bergpark in Kassel verwöhnt, beeindruckten eine ein Kilometer lange Sichtachse, unterschiedliche Perspektiven, Baumgruppen wie Bilder, geschwungene Grünflächen und die Tatsache, dass Seen ausgefranste Ufer haben müssen, da sie keine Suppenschüssel sind. Dazu staunten wir über typische Überraschungen der Romantik, wie die zwei nach ägyptischem Vorbild erbauten Pyramiden. In der 13 Meter hohen Seepyramide wurde Pückler beigesetzt. Die vor dem Fürsten verstorbene Lucie wurde vom Dorffriedhof Branitz in die weinbewachsene Seepyramide umgebettet. Für uns war es spannend, dem Leben und den Leidenschaften des Fürsten Pückler sowie der Tatkraft von Lucie zu begegnen.









Text: Gesa Esterer
Fotos: Sonja Rossettini, Andrea Bosken, Gesa Esterer