Fahrt nach Quedlinburg und Gernrode
Pünktlich startet unser Bus am 19.9. 2025 am ICE-Bahnhof. Laut Vorhersage verspricht es ein warmer, sonniger Spätsommertag zu werden. Zu freudigen Überraschung der Teilnehmer werden sie unterwegs mit gut gefüllten Provianttüten versorgt, damit keiner hungrig oder durstig Quedlinburg erreichen möge. Jürgen Krakowsky gibt einen ersten Überblick über das Ziel unserer Reise.
Nach der Ankunft in Quedlinburg erwartet uns Torsten Schmelz, seit 1992 innerhalb der Stadtverwaltung der Welterbestadt im Bereich der Innenstadtsanierung tätig, der uns bereits auf dem Weg zum Rathaus über Quedlinburgs historische Entwicklung und über die mittelalterliche Stadtstruktur umfassend informiert. Die Baugeschichte Quedlinburgs sei u. a. geprägt durch die Gründung der Stadt um 922, die Entwicklung der Stiftskirche und des Damenstifts, zeichne sich durch eine Mischung aus romanischer, gotischer und barocker Architektur sowie durch die fortbestehende Tradition des Fachwerkbaus mit rund 2.100 Fachwerkhäusern aus acht Jahrhunderten aus. Im Dezember 1994 wurde die Altstadt in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Wir erreichen das Rathaus, das zu den ältesten Profanbauten der Stadt gehört. Anhand eines aus Holz geformten Stadtmodells bekommen wir einen Eindruck vom Gesamtensemble des Weltkulturerbes mit Alt- und Neustadt, Schloss- und Münzenberg. Über das steinerne Treppenhaus betreten wir den eindrucksvollen Festsaal. Wandgemälde stellen Szenen aus der Quedlinburger Stadtgeschichte dar, die von Herrn Schmelz detailreich beschrieben werden. Die Stirnseite des Raumes schmückt ein großes rundes Glasfenster, in dessen Mittelfeld die Übergabe der Königskrone an den Sachsenherzog Heinrich im Jahre 919 dargestellt ist. Nach einem herzlichen Dank an Herrn Schmelz für seine beeindruckende, kenntnisreiche Führung haben wir nun eine Pause verdient und können uns in verschiedenen am Marktplatz gelegenen Restaurants für das weitere Programm stärken.
Nach der Mittagspause ist geplant, die Altstadt in drei kleineren Gruppen zu erkunden. Begleiter unserer Gruppe ist Herr Eiding. Am Brauhaus Lüdde in der Blasiistraße macht er uns auf die Bedeutung des Bierbrauens heute und in früheren Zeiten aufmerksam. Auf holprigem Kopfsteinpflaster geht es weiter entlang malerischer Gassen. Unser nächster Halt ist der Finkenherd, wo der Sage nach der sächsische Herzog Heinrich 919 von fränkischen Edelleuten die Insignien der Königswürde beim Vogelstellen erhalten haben soll. Und schon stimmt Herr Eiding das Lied an: „Herr Heinrich saß am Vogelherd, recht froh und wohlgemut. Aus tausend Perlen blinkt und blitzt der Morgenröte Glut.“
Ganz in der Nähe stehen wir dann vorm Geburtshaus des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), eines der zahlreichen Architekturdenkmale Quedlinburgs. Klopstock gilt als Wegbereiter des Sturm und Drang und als Begründer der Erlebnisdichtung und der Empfindsamkeit. Im Innenhof eines alten Gebäudes erfahren wir etwas über die Industriegeschichte der Stadt. Neben der Fachwerkarchitektur der Altstadt sei die Saatgutgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal Quedlinburgs, betont Herr Eiding. Generationen von Gärtnern und Züchtern hätten dazu beigetragen, dass sich die Gegend zum größten Saatzucht- und Saatvermehrungsgebiet Europas entwickelt habe. Besonders die Züchtung der Zuckerrübe im 19. Jahrhundert habe der Stadt
Wohlstand gebracht.
In der Wordgasse 3 erreichen wir das in seiner Art bisher einzige Fachwerkmuseum Deutschlands, das in einem Hochständerbau aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts untergebracht ist. Nebenan ist der Mühlgraben, ein künstlich angelegter Wasserarm der Bode. Die Lage an einem fließenden Gewässer war für viele Handwerksbetriebe, die Mehl-, Öl-, und Walkmühlen aber auch für die Gerber- und Badehäuser von großer Bedeutung. Unser Rundgang endet an einem ganz besonderen Winkel der Altstadt. Der Schuhhof ist die schmalste Gasse der Stadt, aber auch eine der malerischsten. Hier lebten und arbeiteten einst die Schuhmacher. An einigen der insgesamt acht zweigeschossigen Fachwerkhäuser befinden sich noch herunterklappbare Fensterläden, die früher als Verkaufsfläche dienten.
Letztes Ziel an diesem Tag ist die ottonische Stiftskirche Sankt Cyriakus in Gernrode. Auch wenn wir leider die Kirche nur kurz besichtigen können – die aufsichtsführende Dame muss sich dringend um ihren Hund kümmern –, bekommen wir dank Frau Dr. Richarz-Riedl umfangreiche Auskunft über diesen romanischen Prachtbau, der mit einer der ältesten Hallen-Krypten Deutschlands, einem byzantinischen Langhaus und einer der ältesten erhaltenen Nachbildungen des Grabes Christi nördlich der Alpen beeindruckt.
Auf der Rückfahrt bedanken wir uns bei allen Organisatoren und nicht zuletzt beim Busfahrer Uwe für diese rundum gelungene Exkursion.
Unser Dank gilt Frau Brigitte Noll für die hervorragende Organisation sowie unserem Kooperationspartner, der Hofbuchhandlung Vietor GmbH.













Text: Georg Lerner | Fotos: © Helmut Plate